Planungsfehlschluss: Warum alles länger dauert als gedacht

Aktualisiert: · Brizemi

Der Planungsfehlschluss (englisch planning fallacy) beschreibt, dass wir die Dauer unserer eigenen Vorhaben fast immer unterschätzen, selbst wenn ähnliche Aufgaben früher schon länger gedauert haben. Beschrieben haben ihn die Psychologen Daniel Kahneman und Amos Tversky 1979. Dagegen hilft kein strengerer Wille, sondern ein Plan, der die Unterschätzung schon einrechnet: Rückblick statt Bauchgefühl, ein fester Aufschlag und Puffer zwischen den Dingen.

Was dahintersteckt

Wenn wir schätzen, wie lange etwas dauert, spielen wir im Kopf den glatten Ablauf durch: hinsetzen, anfangen, fertig. In diesem Film fehlt alles, was fast immer passiert: die Datei, die erst gesucht werden muss, die Rückfrage, der Anruf zwischendurch, die Schlange an der Kasse.

Roger Buehler, Dale Griffin und Michael Ross (1994) haben das bei Studierenden untersucht, die schätzen sollten, wann ihre Abschlussarbeit fertig ist. Die meisten brauchten deutlich länger als geschätzt, im Schnitt sogar länger als in ihrer eigenen pessimistischen Schätzung. Aufschlussreich ist die Erklärung: Beim Schätzen dachten die Teilnehmenden vor allem an ihren Plan und kaum an ihre Erfahrungen mit früheren, ähnlichen Aufgaben.

Das Wichtigste daran: Der Planungsfehlschluss ist keine persönliche Eigenart. Er betrifft fast alle, auch Profis, auch bei Dingen, die sie schon oft gemacht haben. Du musst ihn also nicht wegtrainieren. Du kannst ihn einfach einplanen.

Woran du ihn im Alltag erkennst

  • „Ich schau nur kurz in die Mails“, und dann ist eine halbe Stunde weg.
  • Der Wocheneinkauf ist mit 30 Minuten geplant, dauert mit Weg, Parkplatz und Kasse aber eher eine Stunde.
  • Die Präsentation ist „fast fertig“, doch die letzten zehn Prozent brauchen noch einmal so lang wie der Rest.
  • Termine stehen im Kalender, die Wege dazwischen nicht.
  • Zwischen zwei Aufgaben ist keine Zeit zum Umschalten vorgesehen.
  • Bei großen Vorhaben wie Umzug oder Renovierung werden aus „zwei Wochenenden“ schnell vier oder fünf.

Der Blick von außen

Viele kennen das: Bei anderen sehen wir sofort, dass ihr Plan zu knapp ist, bei uns selbst nur schwer. Daniel Kahneman beschreibt in seinem Buch Schnelles Denken, langsames Denken (im Original 2011) einen hilfreichen Gedanken: Statt nur auf den eigenen Fall zu schauen, fragst du, wie es in vergleichbaren Fällen gelaufen ist. Im Alltag heißt das zum Beispiel:

  • Wie lange haben die letzten drei Präsentationen gedauert, nicht nur die schnellste?
  • Wie lange brauchen Kolleginnen und Kollegen für so etwas?
  • Was würde eine Freundin schätzen, die dich und deinen Alltag gut kennt?

Die Antwort ist manchmal unbequem. Aber sie macht deinen Plan stabiler als jede gute Absicht.

Fünf Gegenmittel, die im Alltag funktionieren

  1. Zurückschauen statt nach vorn. Frag nicht „Wie lange wird das dauern?“, sondern „Wie lange hat das beim letzten Mal gedauert?“ Diese eine Frage holt deine echten Erfahrungen in die Schätzung.
  2. Eine Woche lang mitschreiben. Notier bei wiederkehrenden Aufgaben Start und Ende. Nicht zur Kontrolle, sondern als Grundlage. Danach weißt du es einfach.
  3. In Schritte zerlegen. Mit Vorbereitung, Wegen und Nacharbeit. „Kinderarzt“ heißt: hinfahren, warten, Termin, Apotheke, zurück.
  4. Einen festen Aufschlag nehmen. Eine einfache Faustregel: bei Bekanntem die Hälfte draufschlagen, bei Neuem das Doppelte einplanen. Das ist keine Wissenschaft, aber ein guter Startpunkt, den du mit der Zeit anpasst.
  5. Puffer zwischen die Dinge. Nicht nur die Aufgaben großzügiger schätzen, sondern auch Luft zwischen ihnen lassen. Wie das konkret aussieht, zeigt der Ratgeber Time Blocking mit Puffer.

Und die Sorge, dass sich Arbeit dann einfach ausdehnt? C. Northcote Parkinson hat 1955 halb im Scherz genau das als Gesetz formuliert. Dagegen hilft ein Block mit klarem Ende. Bist du früher fertig, hast du Zeit geschenkt bekommen.

So kann das aussehen (Beispielwerte, keine Messung):

Aufgabe Bauchgefühl Letztes Mal Planwert
Wocheneinkauf 30 Min. 55 Min. 60 Min.
Präsentation überarbeiten 45 Min. 80 Min. 90 Min.
Mit dem Kind zum Kinderarzt 1 Std. 1 Std. 50 Min. 2 Std.
Mails sichten 15 Min. 35 Min. 30 Min. mit festem Ende

Die letzte Zeile zeigt einen Sonderfall: Manche Aufgaben werden nie „fertig“. Für sie planst du keine längere Dauer, sondern ein festes Ende.

Beispiel: Ein Samstagvormittag

Tom plant seinen Samstag aus dem Bauch:

  • 9:00 Brötchen holen
  • 9:15 Frühstück
  • 10:00 Baumarkt, Dübel und Farbe
  • 10:45 Fahrrad in die Werkstatt
  • 11:15 Flur streichen
  • 12:30 Mittagessen bei Freunden

Klingt machbar. Mit Rückblick sieht es anders aus: Beim Bäcker ist samstags eine Schlange, der Baumarkt ist voll, und Streichen heißt auch Abkleben, Abdecken und Aufräumen. Toms realistischer Plan:

  • 9:00–9:30 Brötchen holen, Frühstück ab 9:30
  • 10:15–11:15 Baumarkt
  • 11:15–11:45 Fahrrad zur Werkstatt
  • 12:15 losfahren, 12:30 Mittagessen bei Freunden
  • Flur streichen: Sonntag, 10:00–13:00, mit Abkleben

Sein Vormittag hat jetzt weniger drin. Dafür sitzt er um 12:30 entspannt bei seinen Freunden, statt mit Farbe an den Händen und einem halb gestrichenen Flur. Den Flur gibt er nicht auf, er gibt ihm nur genug Zeit. Und der Sonntag hat einen klaren Plan statt eines Rests.

Wenn es trotzdem länger dauert

Auch mit Aufschlag wird manches länger dauern. Das ist kein Urteil über dich, sondern eine Information: Beim nächsten Mal weißt du mehr. Notier dir in solchen Momenten kurz, wie lange es wirklich gedauert hat, etwa „Steuerbelege: 50 statt 30 Minuten“. Nach ein paar Wochen hast du eine kleine Sammlung echter Werte, auf die du beim nächsten Plan zurückgreifen kannst. Für heute hilft es, den Rest des Tages kurz neu zu ordnen, statt alles weiter zusammenzuschieben. Wie das in fünf Minuten geht, steht im Ratgeber Wenn der Tag aus dem Ruder läuft.

So geht das in Brizemi

Brizemi plant deinen Tag um die festen Termine in deinem Kalender herum, mit Puffer zwischen den Dingen, damit nicht jede Unterschätzung den ganzen Rest verschiebt. Mit Brizemi Pro lernt die App aus deinen Tagen, wie lange Dinge bei dir wirklich dauern, und plant neue Tage danach. Ein Plan, den du angenommen hast, ändert sich dabei nie von selbst. Und wenn es doch länger dauert, baut Retten den Rest des Tages mit einem Tipp neu, immer kostenlos.

Brizemi laden und Tage planen, die mit der echten Dauer rechnen

Häufige Fragen

Was ist der Planungsfehlschluss, einfach erklärt?

Die Neigung, die Dauer eigener Vorhaben zu unterschätzen, auch wenn ähnliche Dinge früher länger gedauert haben. Der Begriff geht auf Daniel Kahneman und Amos Tversky (1979) zurück.

Betrifft das nur große Projekte?

Nein. Er zeigt sich auch im Kleinen: beim Einkauf, bei Mails, beim Weg zum Termin. Gerade an einem vollen Tag summieren sich viele kleine Unterschätzungen.

Wie viel Zeit soll ich draufschlagen?

Eine einfache Faustregel: bei bekannten Aufgaben die Hälfte mehr, bei neuen das Doppelte. Noch besser ist ein Blick darauf, wie lange es beim letzten Mal tatsächlich gedauert hat.

Warum hilft Erfahrung allein nicht?

Weil wir beim Schätzen vor allem an den Plan denken und unsere Erfahrungen kaum heranziehen. Die Frage, wie lange es letztes Mal gedauert hat, holt diese Erfahrungen gezielt in die Schätzung.

Quellen

  1. Kahneman, D., & Tversky, A. (1979). Intuitive prediction: Biases and corrective procedures. TIMS Studies in Management Science, 12, 313–327.
  2. Buehler, R., Griffin, D., & Ross, M. (1994). Exploring the planning fallacy: Why people underestimate their task completion times. Journal of Personality and Social Psychology, 67(3), 366–381.
  3. Parkinson, C. N. (1955). Parkinson's Law. The Economist, 19. November 1955.
  4. Kahneman, D. (2011). Thinking, Fast and Slow. Farrar, Straus and Giroux. Deutsch: Schnelles Denken, langsames Denken (2012). Siedler.

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